Interview • 16.06.2026

Wenn der Zoll die Spielregeln ändert

Interview mit Professor Dr. Christoph Tripp

Das E-Commerce-Geschäft ist zolltechnisch gesehen im Umbruch. Bereits in diesem Jahr greift in der EU die Drei-Euro-Abgabe, perspektiv folgen reguläre Zolltarife. Christoph Tripp, Professor für Distributions- und Handelslogistik an der Technischen Hochschule Nürnberg, beleuchtet exklusiv im Interview mit dem DAKOSY-Magazin die Auswirkungen auf Logistik-modelle, Administration und Warenströme.

Über Professor Christoph Tripp

Professor Dr. Christoph Tripp lehrt Distributions- und Handelslogistik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Er verfügt über langjährige Praxis- und Beratungserfahrungen in der Handels- und Logistikwirtschaft und ist als Trendforscher, Gutachter, Moderator, Keynote Speaker, Kolumnist, Podcaster und Autor tätig (www.prof-tripp.de).

Inwieweit gehört das Thema Zollprozesse in die „Top Drei“ des E-Commerce?

Zollprozesse zählen inzwischen zu den strategischen Kernfeldern des E-Commerce. Der enorme Anstieg grenzüberschreitender Kleinsendungen – 4,6 Milliarden in 2024 und geschätzt mehr als 6 Milliarden in 2025 - davon etwa 90 Prozent aus China – zwingt Händler und Plattformen dazu, Zollabwicklung, Datenqualität und Compliance als Top-Prioritäten zu behandeln. 

Was müssen Zollprozesse konkret leisten?

Zollprozesse im E-Commerce müssen massentauglich, schnell und absolut verlässlich sein. Bei Milliarden Kleinsendungen sind automatisierte und korrekte Tarifierungen, digitale Dokumente, Echtzeitdaten und eine nahtlose Anbindung an Fulfillment- und Plattformsysteme zwingend notwendig.

Wie gut haben Händler ihre Zollprozesse im Griff?

Viele Händler haben ihre Zollprozesse optimiert, aber ein signifikanter Teil arbeitet noch mit fragmentierten Systemen, unterschiedlichen Dienstleistern und unvollständigen Zolldaten. Studien zeigen, dass Zolldaten oft verstreut vorliegen und Standardisierung, Klassifizierung und Compliance nicht genügend professionalisiert sind. Besonders Händler aus Drittstaaten kämpfen häufig mit Fehlerquoten und Unterdeklarationen. Dies führt zu Verzögerungen, Zusatzkosten und erhöhtem Risiko für alle Beteiligten. 

Wie hoch schätzen Sie die Bedeutung der Zollprozesskosten für den Handel?

Der Logistikkostenanteil am Netto-Umsatz im E-Commerce beträgt durchschnittlich zwischen 20 und 25 Prozent. Davon entfallen etwa 50 Prozent der Kosten auf den Transport, zirka 40 Prozent auf die Lagerhaltung und ungefähr 10 Prozent auf die administrative Auftragsabwicklung, zu denen auch der Zollprozess gehört. Der administrative Zollaufwand für Kleinsendungen ist im Vergleich zu seinem Warenwert erheblich. Dies erhöht den Druck, Zollprozesse kosteneffizient und resilient auszugestalten. Der Aspekt gilt auch für die Zollbehörden, für die das Handling und der Prüfaufwand bei Kleinsendungen ebenfalls unverhältnismäßig groß sind. 

Welche Auswirkungen erwarten Sie durch die Zollabgabe in Höhe von drei Euro ab 1. Juli 2026?

Die Zollabgabe soll zum einen den unverhältnismäßig hohen Ressourceneinsatz der Zollbehörden im Bereich von Kleinsendungen finanziell ausgleichen. Andererseits erhofft man sich eine Lenkungswirkung in Bezug auf die stetig steigenden Kleinsendungsmengen aus Asien. Die dortigen Marktplätze reagieren bereits und verlagern vom Ex-China-Direktversandmodell per Luftfracht hin zu eigenen Händler‑Fulfillment-Lösungen und lokalen Bestandskonzepten in Europa. Beispielsweise beabsichtigt Temu in diesem Jahr bis zu 80 Prozent der Sendungen aus lokalen Lagern zuzustellen. Im Ergebnis wird eine Sendungskonsolidierung über See- und Luftfracht attraktiver, um Mehrfachzölle pro Warengruppe zu vermeiden. 

Kann der Zoll die zusätzliche Administration bewältigen?

Am Beispiel des Flughafens Lüttich wird deutlich, dass es beim Zoll ressourcenbedingt ein massives Umsetzungsdefizit gibt. Gemäß der aktuellen Berichterstattung werden am Flughafen Lüttich nur 0,006 Prozent der täglich eingehenden Sendungen stichpunktartig kontrolliert und davon 30 Prozent beanstandet. So wie in Lüttich befindet sich die Zollabwicklung an den wesentlichen Flughafen-Einfallstoren für Kleinsendungen aus Nicht-EU-Staaten in einer Sandwich-Position: Die Sendungsmengen sind aktuell so hoch, dass sie mit den vorhandenen Ressourcen kaum beherrschbar sind. 

Verschwinden nun Artikel unter drei Euro vom Markt?

Das Geschäftsmodell der asiatischen Anbieter, das auf dem Einzelversand preisgünstiger Produkte basiert, gerät das durch fixe Abwicklungs- und Prüfkosten pro Sendung unter Druck. Wenn für einen Artikel unter zwei Euro die Zollabwicklung mit drei Euro zu Buche schlägt, rechnet sich der Niedrigpreisansatz nicht mehr. Die Plattformen werden absehbar mit Sortimentsanpassungen sowie schrittweisen, geringfügigen Preiserhöhungen reagieren. Zudem ist zu erwarten, dass die algorithmisch feinjustierten Kaufanreizsysteme darauf abzielen, Kunden zu größeren Warenkörben anzuregen, um die Zollfixkosten zu relativieren. Parallel dazu werden die Anbieter ihre Logistik-Modelle verändern. Ich gehe davon aus, dass die asiatischen Plattformen ihre Rolle als Anbieter günstiger Konsumgüter behalten, doch sie werden insgesamt stärker auf konsolidierte Logistik und optimierte Preisstrukturen setzen. 

Die Drei-Euro-Abgabe ist nur eine Zwischenlösung. Ab 2028 soll der EU Customs Data Hub die Grundlage für reguläre Zolltarife und eine automatisierte Abwicklung aller Kleinsendungen bilden. Ist damit eine Entastung des Zolls in Sicht?

Zunächst einmal bindet der Transformationsprozess zusätzliche Ressourcen, um digitale und personelle Kapazitäten auszubauen und stellt einen weiteren Flaschenhals dar. Ein kritischer Punkt ist zudem der lange Implementierungszeitraum. Bis zur Einführung der EU-Zolldatenplattform sind es noch zwei Jahre, in denen mehr als 10 Milliarden Kleinsendungen in die EU eingeführt werden. Für die Zollbehörden an den europäischen Flughäfen bleibt zu hoffen, dass die künftige attraktivere zollbezogene Sendungskonsolidierung zu gewissen Verlagerungseffekten von Luft- zu Seefracht und damit zu einer moderaten Entlastung der Zollabwicklung an zahlreichen europäischen Flughäfen führt.

Ist die spätere Einführung regulärer Zolltarife sinnvoll?

Eindeutig: Ja. Die vorgesehene Drei-Euro-Abgabe ist als Übergangslösung konzipiert.  Die Pauschale schafft kurzfristig eine administrativ handhabbare Struktur, ersetzt aber nicht die inhaltliche Differenzierung und gerechtere Belastung von Kleinsendungen, die reguläre Tarife leisten können. Mit der Einführung des EU Customs Data Hub wird perspektivisch die Zollabwicklung für jede einzelne Warensendung automatisiert möglich, wodurch präzise Zollsätze je Artikel oder Warengruppe erhoben werden können. Ein solches System ist gerechter und reduziert auch Anreize für Unterbewertung und künstliches Aufsplitten von Sendungen, die derzeit häufig im grenzüberschreitenden E‑Commerce auftreten.

Was sollten wir in den nächsten 12 Monaten im Blick behalten?

Mit der Einführung der Übergangslösung zur Verzollung von Kleinsendungen fällt die bisherige Zollfreigrenze. Händler, Logistikdienstleister und digitale Plattformen müssen ihre Systeme rechtzeitig technisch auf die neue Abgabestruktur vorbereiten. 

Ein zentraler Faktor wird auch die fortschreitende Entwicklung des EU Customs Data Hub sein, dessen technische Schnittstellen bereits jetzt vorbereitet werden. Händler und Dienstleister sollten ihr IT‑Prozesse, Datenqualität und Produktstammdaten frühzeitig anpassen, um spätere Integrationsprobleme zu vermeiden. Insgesamt befinden wir uns 2026 zollbezogen in einem Übergangsjahr, in dem die Weichen für die endgültige Zollreform und ihre praktischen Auswirkungen auf den europäischen E‑Commerce gestellt werden.

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