Der Endspurt läuft – für die Entwicklung einer ganzheitlichen Export Management Plattform. Etwa neun Monate vor dem Ende der IHATEC-Projektlaufzeit skizziert der Verbundpartner DAKOSY die neue digitalisierte und vernetzte Arbeitswelt für die an der Exportkette Beteiligten.

Die Geschäftsbeziehungen im Export sind bilateral geprägt: Der Versender/Spediteur beauftragt den Reeder, der Spediteur steht im Vertragsverhältnis mit dem Trucker, Eisenbahnunternehmer oder Binnenschiffer und der Reeder wiederum ist Kunde des Terminals sowie des Leercontainer-Depots. Dementsprechend bilateral ist der Datenaustausch – jeder verfügt über die Informationen des jeweiligen Transportabschnitts, den er zu vorantworten hat. Und auch dieser ist nicht immer digitalisiert, Papier und PDF-Dokumente sind ebenfalls noch gebräuchlich.

Bei bis zu 15 Akteuren pro Exportvorgang besitzt jeder wertvolle Informationen für einen dritten Beteiligten, mit dem er nicht im Vertragsverhältnis steht. So erhalten aktuell beispielsweise weder Reeder noch Terminal automatisiert Informationen, ob sich Container im Vorlauf verzögern. Trifft eine Box nicht ein, kann es dazu kommen, dass der Stellplatz auf dem Terminal und Schiff leer bleibt.

Mit diesem Status quo räumt die neue Export Management Plattform 4.0 auf. In der internetbasierten Cloud werden künftig alle den Transport betreffenden Informationen an zentraler Stelle, mit großer Planungssicherheit und für alle berechtigten Akteure transparent zur Verfügung gestellt. Drei Jahre lang haben die Projektpartner und assoziierten Projektteilnehmer, die exemplarisch die Stationen der Logistikkette repräsentieren, daran gearbeitet, diese Mammutaufgabe zu bewältigen.

Mit dabei sind namhafte Player wie Kühne + Nagel, DB Cargo, Hamburg Süd, Hapag-Lloyd, CMA CGM, a. Hartrodt, LESCHACO, HHLA, Eurogate und Transfracht. Das Dach für das Projekt bildet das Förderprogramm Innovative Hafentechnologien (IHATEC) des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI).

Steckbrief IHATEC: EMP 4.0

Projektlaufzeit 7/17 – 3/21
Fördervolumen 3,3 Mio. Euro, (davon 50% Förder anteil durch BMVI)
Projektträger TÜV Rheinland Consulting GmbH
Verbundpartner DAKOSY
Projektpartner DB Cargo, Kühne + Nagel
Assoziiert Hamburg Süd, Hapag-Lloyd, CMA
Teilnehmer CGM, a. Hartrodt, LESCHACO, HHLA, Eurogate, Transfracht
Ziel Entwicklung einer Plattform als internetfähige Cloud, welche die den Transport betreffenden Informationen an zentraler Stelle, mit großer Planungssicherheit und für alle berechtigten Akteure transparent zur Verfügung stellt.
Weitere Infos www.dakosy.de
www.innovativehafentechnologien.de

ALLEINSTELLUNGSMERKMAL: TROUBLE SHOOTER

Was ist der größte Mehrwert, den sich die Akteure von der digitalen Export-Plattform versprechen? Diese zentrale Frage beantwortet DAKOSY-Prokurist Dirk Gladiator stellvertretend für die Projektteilnehmer: „Der Soll-Ist-Abgleich im Transportablauf birgt, der einhelligen Meinung nach, den größten Nutzen. Störungen, wie Verspätungen, werden so frühzeitig transparent gemacht. Die Teilnehmer können noch agieren und umbuchen, Stellplätze freigeben oder Container gar nicht erst auf den Weg bringen.“

Diese Aufgabe ist lösbar, denn die Daten sind mehrheitlich vorhanden oder beschaffbar, was fehlt ist die zentrale Bündelung, der Abgleich, sowie die qualitative Auswertung. „Wir nennen diese Funktionalität den ‚Trouble Shooter‘. Unser Anspruch ist es, dort, wo wir aktiv sind, in die Tiefe zu gehen und die vollen Informationen harmonisiert zur Verfügung zu stellen. Unsere Daten sind exakt, genau und umfangreich“, bringt es Gladiator auf den Punkt.

14 ANWENDUNGSFÄLLE IDENTIFIZIERT

Es braucht viel Zeit und gutes Teamwork, um die möglichen Synergieeffekte im Gesamtprozess entlang der Exportkette zu identifizieren, Umsetzungsmöglichkeiten zu analysieren und zu priorisieren. In etlichen Workshops zerlegen die Teilnehmer um DAKOSY-Projektleiter Malte Kantak dieses komplexe Gebilde in kleine Häppchen. Kantak berichtet: „Wir haben gemeinsam 14 Anwendungsfälle für die Export-Plattform definiert. Für den Pilotbetrieb, den wir in diesem Jahr starten wollen, hat das Projektteam sechs Anwendungsfälle priorisiert, von denen sich alle Beteiligten den größten Mehrwert versprechen.“ Dazu gehören die Sendungsverfolgung entlang der Transportkette (Track & Trace), der Soll-Ist-Abgleich (Trouble Shooter), die Gefahrgutregistrierung, die Dokumenten Cloud, die Leercontainerfreistellung sowie die Schiffsabfahrten/-ankünfte.

Anwendungsfälle im Piloten

Track&Trace + Trouble Shooter

Die aktuellen Positionsdaten des Containers werden für die gesamte Transportkette automatisiert zur Verfügung gestellt. Mit dem Trouble Shooter (Soll-Ist-Abgleich) werden Störungen automatisiert erkannt und als Push-Meldung weitergegeben.
Nutzen: Störungen im Transportablauf werden rechtzeitig erkannt, Neuvergabe von Stellplätzen, Sparen von Lagergeldern, Vermeidung von Wartezeiten

Soll-Ist-Abgleich der Schiffsabfahrten/-ankünfte

Im Hamburger Hafen lassen sich die Zu- und Abläufe der Schiffe genauestens vorhersagen und mit geplanten Daten abgleichen. Möglich wird dies durch die von DAKOSY entwickelte Software für das Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC).
Nutzen:
Die Beteiligten haben durch die Einbindung der HVCC-Daten eine höhere Planungsgenauigkeit hinsichtlich der Schiffsankunft und -abfahrt.

Gefahrgutregistrierung + Dokumenten Cloud

Gefahrgutdaten werden entlang der Transportkette elektronisch übermittelt und an Schnittstellen auf Plausibilität überprüft. Die Gefahrgutanmeldung kann automatisiert erfolgen. Die Begleitdokumente werden in einer Dokumenten-Cloud zentral bereitgestellt.
Nutzen: Vermeidung, dass Gefahrgutsendungen wegen fehlender/fehlerhafter Daten nicht verladen werden. Auslöser sind heutzutage die Mehrfacherfassungen. Dieser Prozentsatz lässt sich durch die Automatisierung erheblich reduzieren.

Leercontainer-Freistellung

Plattform vorab prüfen, ob der Leercontainer freigestellt ist.
Nutzen: Vermeidung von Wartezeiten für den LKW-Fahrer für nicht freigestellte Container

DAKOSY ALS BRÜCKENBAUER

Die Rolle von DAKOSY in dem IHATEC-Projekt entspricht der eines Brückenbauers. „Wir bauen die Verbindungen zwischen den einzelnen Prozessteilen und Prozessbeteiligten im Kontext zum Gesamtprozess und lösen damit diese grundlegende Herausforderung“, verdeutlicht Gladiator. Die technischen Voraussetzungen, um die Plattform zu nutzen, hält DAKOSY bewusst niedrig. „Das Zuschicken der Daten ist in verschiedenen Formaten – wie EDIFACT, XML oder auch Excel – möglich. Wir konvertieren die individuellen Nachrichten der Teilnehmer in ein harmonisiertes Format“, erklärt Kantak und folgert: „Für die Absender ergibt sich kaum Mehraufwand. DAKOSY wird nur als weiterer Empfänger einkopiert für Daten, die ohnehin schon an einzelne Teilnehmer verschickt werden.“ Das große Plus bei der Umsetzung ist für Kantak: „Die Daten sind bereits heute zum großen Teil vorhanden. Diese gilt es nun, zentral zu bündeln und zur Verfügung zu stellen.“ Konkret gibt es bereits eine Reihe von Nachrichten, die DAKOSY empfangen kann. Dazu gehören Buchungsanfragen von Spediteuren, Buchungsbestätigungen der Reedereien, Transportaufträge für Intermodalverkehre im Vorlauf sowie das „Lade-Ist“ verladener Container auf das Seeschiff. „Aus diesen Informationen werden im nächsten Schritt die Anwendungsfälle entwickelt“, konkretisiert Kantak.

"Die Transparenz des Transportablaufes wird den Kunden zunehmend wichtiger. Die Folge: Es werden bilateral Schnittstellen zu Transportunternehmen aufgebaut, um Sendungsverfolgungsdaten zu erhalten. Der Aufwand, verschiedene neue Schnittstellen einzurichten und zu betreiben, ist für alle Beteiligten enorm. Mit der EMP 4.0 können Track-und-Trace-Daten zum Transportablauf über eine Schnittstelle zur Verfügung gestellt werden. Ein Kunde kann über die Plattform eine Vielzahl von Daten von unterschiedlichen Beteiligten am Transportablauf in einem einheitlichen Format erhalten oder auch in der Webanwendung einsehen."
Dr. Bernd Pahnke, Vice President Port Development, DB Cargo AG

WARTUNGSFENSTER ENTFALLEN

Die Programmierung der Export-Plattform basiert auf Microservices und REST-Schnittstellen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die Dienste weitgehend entkoppelt sind und jeder nur eine kleine Aufgabe erledigt. Dies ermöglicht einen modularen Aufbau der Anwendungssoftware. Bei Änderungen braucht nicht mehr das ganze Software-Konstrukt getestet werden, sondern nur noch das entsprechende Modul. Den spürbaren Vorteil für den Nutzer nennt Kantak: „Mit dieser Technologie wird es kaum noch Wartungsfenster geben. Die Verfügbarkeit 24/7 wird immer wichtiger. Insbesondere, wenn wir global und in verschiedenen Zeitzonen agieren wollen, müssen wir Wartungsfenster auf ein Minimum reduzieren.“

KONZEPT GLOBAL ÜBERTRAGBAR

Das Stichwort „global“ ist mit Absicht gewählt. Den Beteiligten ist klar, dass es sich bei dem Projekt nicht um eine regionale Lösung für Transportströme über den Seehafen Hamburg handelt. „Das Ziel ist, mit dem Pilotbetrieb über die Hansestadt eine Blaupause zu entwickeln, die sich auf andere Häfen übertragen lässt“, sagt Gladiator, „der Vorlauf auf einen Seehafen ist fast deckungsgleich, egal welcher Absender- und Hafenstandort gewählt wird. Er beinhaltet häufig die gleichen Transportbeteiligten, Zollabwicklungsprozesse und Modal-Splits.“ Konkret könnten weitere deutsche oder europäische Häfen wie Rotterdam oder Antwerpen leicht an die Plattform angebunden werden.

"Zur Zeit ist für uns als Reederei bei einer Port-Port oder Port-Door Buchung lediglich sichtbar, ob der Leercontainer bereits abgeholt wurde. Der weitere Transportverlauf bis zum Seehafen bleibt im Dunkeln. Wir hoffen, dass die gebuchten Container bis zum Closing im Seehafen eintreffen. Der Platz auf dem Schiff wird für diesen Container freigehalten. In Zukunft mit der EMP 4.0 werden wir als Reederei über Störungen im Vorlauf informiert und sehen frühzeitig, wenn ein gebuchter Container es nicht mehr rechtzeitig zum Seehafen schafft. Der gebuchte Platz kann für andere Ladung freigegeben werden und mit dem Kunden eine Transportalternative besprochen werden."
Ralph Hoertelmann, Senior Manager COM-P, Hamburg Süd

Glossar/Lexikon

Microservices…
… ist ein Architekturmuster mit der Zielsetzung eine komplexe Anwendung möglichst in einzeln auslieferbare Services mit jeweils eigener, abgegrenzter Zuständigkeit aufzuteilen. Jeder einzelne Microservice ist ein unabhängiges, selbsttragendes Teilsystem, dass für sich einen ebenso selbstständigen fachlichen Wert zur Gesamtlösung beiträgt und bei Bedarf über sprachunabhängige Schnittstellen mit den anderen Microservices des Systemverbundes kommuniziert. Dieser modulare Aufbau ermöglicht in Verbindung mit REST unterbrechungsfreie Wartungsarbeiten, dynamische Skalierung einzelner Systemkomponenten bei aufkommender Last, die Verwendung unterschiedlicher Programmiersprachen für unterschiedliche Aufgaben und eine leichtere Wartbarkeit.

REST…
Steht für Representational State Transfer und beschreibt ein Architekturparadigma aus der Softwareentwicklung, bei dem einzelne Services zustandslos die eingehenden Anfragen bearbeiten. Dies ermöglicht eine gute Skalierbarkeit durch Parallelisierung, da es für den Anfragenden nicht relevant ist, welches Replikat eines Service die Anfrage verarbeitet. Zudem verfügen REST-konforme Services über eine einheitliche Schnittstelle, wodurch sie einfacher zu verwenden sind, machen sich die einfache, zuverlässige und robuste HTTP-Technologie zunutze und bieten eine gute Interoperabilität unabhängig von der verwendeten Technologie des jeweiligen Service.

IHATEC
Mit dem Förderprogramm für Innovative Hafentechnologien (IHATEC) unterstützt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die zur Entwicklung oder Anpassung innovativer Technologien in den deutschen See- und Binnenhäfen beitragen und dabei helfen, das Umschlagaufkommen zu bewältigen und Logistikketten zu verbessern. Dafür stellt das BMVI im Zeitraum 2016–2021 rund 64 Mio. EUR bereit.